Die Entstehungsgeschichte einer Partnerschaft

...ein Auszug aus der Informations-Bro­schü­re "10 Jahre in Partnerschaft"; geschrieben von László Józsa, Altbürgermeister von Tápiógyörgye

Die erste Etappe

Irgendwann im Jahre 1993 hat mich mein Freund Sandor Seres besucht und erzählt, dass sein guter Freund, Dr. László Ódor, Botschafter Ungarns in der Schweiz geworden ist. Er komme öfters zu ihm zu Besuch, und habe unser Dorf sehr lieb. Ob ich mich mit ihm treffen würde?

Natürlich will ich - habe ich Sandor geantwortet, gib mir seine Adresse, ich werde ihm schreiben. Nach einer kurzen Korrespondenz ist es dann zu einem Treffen gekommen. Ich konnte den Herrn Botschafter und seine liebe Gattin kennenlernen. Wir haben über verschiedene Sachen gesprochen, und gleich beim ersten Gespräch ist die Idee aufgekommen, dass einige Mitglieder unseres Gemeinderates nach Bern fahren sollen, und dass die Botschaft für sie ein entsprechendes Programm organisieren wird.

Im Frühjahr 1993 haben wir eine offizielle Einladung vom Herrn Botschafter erhalten. Darauf hin haben wir eine Delegation zusammengestellt (Zoltán Nagy, lstván Németh, András Boda, József Bálint und Káro Gálbacs) und sind im Mai nach Bern gefahren. Die Delegation kam im Rahmen des von der Botschaft organisierten Programms auch nach Wünnewil-Flamatt. Aufgrund der Erfahrungen des Besuchs und durch die weitere aktive Vermittlungsarbeit der Botschaft hat sich ein gegenseitiges Interesse in unseren Gemeinden entwickelt. Die Sympathie ist immer stärker geworden. Wir haben mit dem Gemeinderat von Wünnewil-Flamatt freundschaftliche Briefe gewechselt und ihnen eine deutschsprachige Beschreibung über Tápiógyörgye zugeschickt.

Die zweite Etappe

Im Sommer 1994 sind zwei Gäste aus Wünnewil-Flamatt zu uns gekommen. Als rational und vernünftig denkende Menschen wollten sie mit eigenen Augen sehen, wie wir in Wahrheit leben. Wir haben die zwei Gäste - Franz Baumeier und Beat Bucheli - am Flughafen in Budapest empfangen. (Vorher hatten wir grosse Sorge, wie wir uns zu einem so grossen Anlass anziehen sollen: im frisch gebügelten Anzug, mit oder ohne Krawatte?)

Jó napot! - hat uns Franz Baumeier beim ersten Anblick gesagt. Wie er später erzählte, hat er schon angefangen, ungarisch zu lernen.

Während ihres Besuchs bei uns haben wir ihnen unsere Gemeinde vorgestellt, Gutes und Schlechtes gleichzeitig gezeigt. Wir haben unsere Institutionen besichtigt, die Gasleitung, die damals gebaut wurde, die ruinierten Gebäude der Genossenschaft. Wir fuhren zur Puszta in Hartobágy, auf der Heimreise überquerten wir die Theiss mit der alten Fähre bei Tiszaroff. Wir haben unsere Gäste als aussererordentlich sympathische, interessierte und liebe Menschen kennengelernt. Wir haben uns angefreundet, bei ihrer Anreise, haben wir sie gebeten, gute Nachrichten über uns zu vermitteln. Wir haben ja gewusst, dass ihr Bericht von grosser Bedeutung für die Entstehung unserer Partnerschaft sein wird.

Die dritte Etappe

Die Geschehnisse haben sich nach unserem Besuch in der Schweiz beschleunigt. Auf die Einladung des Gemeinderates und seinem Präsidenten Paul Kölliker sind wir im Herbst desselben Jahres nach Wünnewil-Flamatt (Zoltán Nagy, József Bálint, Káro Gálbacs und ich selber) gefahren .

Es wurde in Wünnewil-Flamatt - durch eine Zeitungsanzeige - eine Versammlung einberufen, um über eine mögliche Partnerschaft mit Tápiógyörgye zu diskutieren. Man hat uns vorher gesagt, wenn niemand oder zu wenige Menschen kämen, oder wenn von den Teilnehmern zu wenig Interesse für eine Partnerschaft gezeigt würde, falle unser Vorhaben ins Wasser. Es ist aber anders geworden. Selbst die Veranstalter waren überrascht, wie gross das Interesse war. Das zahlreiche Publikum und wir wurden von Paul Kölliker begrüsst. In seiner Ansprache stellte er die Bürger und Bürgerinnen von Tápiógyörgye als interessante, anziehende und sympathische Menschen vorgestellt. Nach seinen Worten hielt Botschaftsrat Miklós Csizmadia einen Vortrag über die ungarische Geschichte und die spezielle Situation der ungarischen Gegenwart. Danach bekam ich die Möglichkeit über Tápiógyörgye zu sprechen. Meine Worte wurden durch Herrn Louis Bischoff ins Deutsche übersetzt (Herr Bischoff spricht tadellos ungarisch, da er als Sohn des damaligen Konsuls der Schweiz in Budapest aufgewachsen ist. Vor einigen Jahren erhielt er eine hohe ungarische staatliche Auszeichnung für seine hervorragende Tätigkeit auf dem Gebiet der Vertiefung der Beziehungen zwischen der Schweiz und Ungarn.)

Beat Buchelli vollendete das Treffen mit einem liebevollen, mit Diabildern illustrierten sehr positiven Bericht über Tápiógyörgye. Danach folgten Fragen, auf die wir geantwortet haben und soviel ich mich erinnern kann, waren diese Antworten zufriedenstellend. Die Anwesenden haben sich für eine Partnerschaft entschieden, mehr als sechzig Person haben sich bereit erklärt, sich für die Zusammenarbeit auch persönlich einzusetzen.


Verteterinnen und Vertreter von Tápiógyörgye und Wünnewil-Flamatt mit dem unterzeichneten Vertrag

Schlussgedanke

Man könnte noch die Reihe der Etappen (Ergebnisse, Erfolge, Freuden) weiterführen. Sicherlich wird das von anderen getan. Ich hatte nur den Auftrag über die Anfänge zu sprechen, indem ich „die Aufregungen während der Geburt" aufzeichne.

Rationale Handlungen, (auf die ich schon oben hingewiesen habe) und ein günstiges Zusammenwirken der Geschehnisse, mussten zweifellos zum Entstehen unserer „Verschwesterung" beitragen. Was wäre geschehen, wenn Sanyi Seres mich nicht angesprochen hätte? Und wenn László Ódor gedacht hätte, er habe schon bessere Burschen gesehen als diese von Györgye (oder von Wünnewil-Flamatt)? Oder was wäre geschehen, wenn unsere kleine Delegation nicht nach Wünnewil-Flamatt gefahren wäre?

Man könnte die Reihe der Zufälle noch lange aufzählen.

Ich denke also, dass die Entstehung unserer Kontakte am guten Willen, an der Entschlossenheit und der sorgfältigen Arbeit zahlreicher Menschen lag. Aber vielleicht hat auch ein hoher Zufall, vielleicht auch das für uns Sorge tragendes Schicksal, ein Engel, geholfen. In guten Sachen ist das vorstellbar. Und das ist eine gute Sache.

 

 

Die Sicht der Dinge von Prof. Dr. László Ódor

Eine wichtige Person in der Entstehung der Partnerschaft war seinerzeit Prof. Dr. László Ódor. Er war der ungarische Botschafter in der Schweiz. Hier seine Gedanken zur Entstehung der Partnerschaft:

 

Anfang der 90-er Jahre (Unmittelbar nach der Wende) hat sich der damalige Bürgermeister (László Józsa) von Tápiógyörgye bei der ungarischen Botschaft in Bern mit dem Wunsch gemeldet, dass wir eine Partnergemeinde für Tápiógyörgye in der Schweiz suchen sollten. Das ist – ich glaube – mit Wünnewil-Flamatt recht glücklich gelungen. Die – hoffentlich - gegenseitig befruchtende Beziehung zwische Tápiógyörgye und Wünnewil-Flamatt begann formell 1995, und nach 20 Jahren läuft sie meines Erachtens sehr effektvoll – was die ungarische Seite heute mehr als je braucht. Nicht vor allem in Sachen sondern in geistiger Hinsicht als Mentalitätsspritze von der Schweiz (das ungarische Dorfland steckt ja offensichtlich in einer Krise, und bei der Lösung dieser Krise sehe ich immer noch die subsidiäre Variante der Schweiz als erfolgreichste Möglichkeit).

 

Und seine Ausführungen über die Geschichte Ungarns:

 

Die ungarische Geschichte ist in ihrer inneren Logik eben ein Gegenteil der Schweizerischen. Die Ungarn (damals sieben Stämme zwar, aber politokulturell und organisatorisch ein Volk mit einem einheitlichen Selbstverständnis, immer bis heute) sind wirklich, in ihrem Bewusstsein auch heute noch ein Einwanderungsvolk in Europa. Das ungarische Selbstverständnis in der Geschichte beginnt mit dem Einmarsch dieser sieben „östlichen” Stämme. Diesen Einmarsch in das Karpathenbecken bezeichnen unsere Bücher als „Landnahme”. Er geschah im Jahre 896. Rund hundert Jahre haben die Nomaden-Ungarn ganz Europa beritten, in Bündnissen gekämpft (so auch in Basel und in St. Gallen). Eine Stabilisierung erbrachte erst die Aufnahme des westlichen Christentums im Jahre 1000. Der erste – getaufte, christliche Fürst -  Vajk hat das ungarische Königreich gegründet. Als Stephan (István), der später heiliggesprochen wurde, ging er in die ungarisch-europäische Geschichte ein. Seine Dynastie gründete und befestigte den ungarischen Staat, der tatsächlich ein Bollwerk des christlichen Europas wurde: ein praktisch multikultureller Staat im Karpathenbecken, der jahrhundertelang Pufferzone zwischen Ost- und Westeuropa war, mehrere Male angegriffen vom Osten wie 1241 von den Mongolen, am Anfang des 16. Jahrhunderts von den Osmanen (Türken): 150 Jahre lange Besetzung! Seit dem 14. Jahrhundert sassen Könige aus grossen europäischen Häusern auf dem Thron Ungarns, bis dann 1526 die – übrigens aus der heutigen Schweiz stammenden -  Habsburger Könige in Ungarn wurden. Sie sassen auch auf dem Thron des heilig römischen Reiches deutscher Nation. Das Volk des ungarischen Königreichs fühlte sich aber nicht als Teil dieses lockeren, föderalistischen Gebildes, und es kam ständig zu Aufruhr, Aufständen,  Revolutionen gegen die Habsburger (1703, dann 1848), - endlich gelang es einen Kompromiss mit den Habsburgern auszuhandeln, und so kam es 1867 zu der Gründung einer Doppelmonarchie, die „K und K” (nicht Kaffe und Kuchen, sondern „kaiserlich und königlich”) genannt wurde. Dieser Vielvölkerstaat, der aus einem „österreichischen” und einem „ungarischen” Teil bestand, wurde nach dem ersten Weltkrieg in dem Pariser Frieden (Versailles) aufgelöst, den man in Ungarn „Friedensabschlüsse in Trianon) nennt. Dieser „Frieden”, den man nach dem zweiten Weltkrieg  - wieder in Paris – bestätigte, hat im letzten Jahrhundert die politischen Stimmungen und die zwischenstaatlichen und internationalen Beziehungen im Karpathenbecken stärkstens bestimmt. Nach allgemeiner Auffassung der Ungarn, wurde dieses Land nach dem zweiten Weltkrieg an den sowjetischen Kommunismus ausverkauft, in der Revolution 1956 im Stich gelassen, und auch nach der Wende hat man „im Westen” die Leistungen des Landes nicht genügend geschätzt. Aus einer allgemeinen Enttäuschung dauert der Weg aus dem Fürsorgestaat-Status zu einer freien (also selbstverantwortlichen) Demokratie lange, und diese Selbststatuierung ist mühsam, besonders in einer Zeit, wenn ganz Europa in einer erschreckenden Krise steckt – sogar die von mir hochgeschätzte Schweiz schaut zurzeit auch enorm schwer über den Tellerrand. Ungarn ist seit 2004 volles Mitglied in der Europäischen Union. Nicht ohne Kritik, aber mit vollem Bewusstsein, das es immer noch ein Volk am Rande des kulturellen Abendlandes ist, und deshalb die ganze EU-Frage anders behandelt, als Ihr Volk in einer historisch kontinuierlich und organisch entstandene Schweiz.

 

Ich denke immer noch, dass die Schweiz ein Modell bei uns, im östlichen Mittel-Europa sein kann. Und ich bin immer noch überzeugt – wie ich dies bei der Präsentation meines Buches „Helvetismen” in Bern auf eine journalistische Frage antwortete, dass die Schweiz einen grossen Fehler hat: dass sie nicht von uns Ungarn gemacht wurde. Jetzt möchte ich das so korrigieren: dass sie nicht mit uns zusammen gemacht wurde – Wünnewil-Flamatt und Tápiógyörgye tun das in meinen Augen – erfolgreich und wirksam, was ich ihnen auch in der Zukunft wünsche.   

Prof. Dr. László Ódor  

 

 

 

 

 

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